Wachs mit zwei Seiten
Bilder und Objekte Im Rathaus Wiesbaden

Es sind Exemplare einer alten Taschenbuchreihe „Aus Natur- und Geisteswelt“, eins neben dem anderen in hölzerne Kästchen eingerahmt; sie handeln von geistigen Krankheitszuständen des Kindesalters, von deutschem Frauenleben, vom Nibelungenlied, und man kann sogar darin lesen – nach kurzer Überwindung, denn ihr Umschlag ist mit Wachs überzogen.

Daneben steht, samt Hocker, ein kleiner weißer Tisch, von dessen schiefer Platte es wächsern starr heruntertropft. Eine neuerliche Begegnung mit dem Wiesbadener Künstler Bernd Brach und seinen Wachs-Arbeiten. Jetzt füllen sie das Rathaus-Foyer. Man findet dort noch eine weitere Zehner-Reihe von Objektkästen, die an der Wand freilich wie Bilder aussehen. Das Repertoire reicht vom runden Zierdeckchen bis zu einer wulstig eingerahmten Miniatur von Manets „Olympia“ auf einer Zuckertüte, aber beim Miteinander von Auge und spitzen Stachelschwein-Stacheln oder bei herausragenden Glasbrocken scheint der Titel „Trost & Hilfe“ ziemlich ironisch.

Unter den Objekten auch ein Oval silbriger Myrten oder ein versengtes Bügelbrett, Erinnerungen an Brautzeit und leidvollen Alltag; auch Collagen von NS-Texten und darübergezeichneten Gefäßen. Der Besucher stellt irgendwann fest, dass er sich auf der dunklen dieser „ZweiSeiten“- Ausstellung befindet, bei der aufzuarbeitenden Vergangenheit, bei den Rätseln und Bruchstücken heutiger Welterfahrung.

Dagegen dann links die helle Seite. Und erschien das Material Wachs erst als deckende und verdeckende Hülle der zeit, so öffnet es nun einen hoffnungsvollen Blick. Selbst die dunkel ausgestreckten Tentakel, eigentlich drohende Fangarme, beugen sich eher der Sehnsucht nach Gefühl, nach Berührung. Aus dem durchsichtig matten Schimmer, der weißlich-grünen Marmorierung, den feinen Schatten und Schleiern entstehen so innere Landschaften, Bilder der Empfindung, der Harmonie; ob nun groß ausschwingend, ob klein konzentriert. Und sie faszinieren.

Dr. Bruno Russ
Wiesbadener Kurier vom 13.2.07