Gefäße der Erinnerung

Bernd Brach, 1946 in Flörsheim am Main geboren, hat von 1966–70 an der Werkkunstschule in Wiesbaden studiert. Er lebt und arbeitet in Wiesbaden.

Seit etwa 15 Jahren ist Wachs das verbindende Material zwischen Malerei und Objekten. Bei den Bildern ist es für ihn „der Aspekt von Haut und Verletzlichkeit, der in transparenten Schleiern sich über abstrakte Liniengespinste legt, bei den Objekten das konservierende Einschließen und Umhüllen, das den Objekten eine Aura des verletzlich Dauerhaften verleiht.“

Die ausgestellten Objekte stammen aus dem Projekt TROST & HILFE. Bernd Brach versteht sie „als ‚Dokumente’ des Erinnerns, der Selbstvergewisserung“. Wenn Demenz gekennzeichnet ist auch durch Gedächtnis(zer)störung, dann setzt Bernd Brach auf die Kraft der Dinge als Brücken der Erinnerung, in seinem Fall an Kindheit, Eltern, Heimat.

Es sind einfache Dinge. Der Fluchtkoffer mit dem Glasbruch darin. Nichts weiter, aber der Titel macht deutlich, dass die Eltern das Kriegsende als ‚Zusammenbruch’ begriffen, nicht als Befreiung. Ein braunes Holzkästchen mit aufgemalter, inzwischen längst verblichener Rose: ‚Sugar Mama’. Dicht an dicht darin Würfelzuckerstückchen, deren Verpackung als Werbefläche diente. Und die sechziger Jahre werden wieder wach: Hertie Reisen, Klosterfrau Melissengeist, Persil 65, Berlin mit Bärenwappen usw. Wachs bindet sie alle zusammen. 

Ein Häkeldeckchen gewachst im Rahmen und ein Sofakissen. Bei Bernd Brach heißt es ‚Gewissenkissen’. Über die grellen Farben legt sich Wachs als beruhigende Schicht. Wachs mildert, verwischt, verfremdet, bindet, erhält die Form und schafft mit all dem eine Distanz zum ursprünglich rein Gegenständlichen zugunsten eines neuen Kunstobjekts.

Bernd Brach hat ein sehr sinnliches Verhältnis zu seinen Werken. Er spricht von ihnen als „Gefäßen der Erinnerung“ und als „Körper“. Dann bekommen die Wachsschichten eine tiefere Bedeutung. Sie sind dann Schutzschicht, Hülle, Haut. Im übertragenen Sinne sind es auch Schichten des Lebens, teilweise ablesbar und teilweise eben nicht. Was bewahrt unser Körper auf? Was unsere Haut? Was sind das für Erinnerungen und Erfahrungen? Gute und schlechte? Lustvolle und schmerzhafte? Liebevoll-zärtliche oder gewalttätige?

„Wenn wir – schreibt Bernd Brach – im Lauf unseres Lebens Dinge um uns herum sammeln und arrangieren, ist das der vergebliche Versuch, das ständige Vergehen aufzuhalten, darin Trost und Hilfe zu finden.Beobachten wir es bei anderen, erscheint es uns rührend oder absurd. Und doch ist darin der Versuch enthalten, die Schönheit aufzufinden, die von der Wahrheit niemals abgetrennt werden darf. Nur die Schönheit allein kann uns retten.“

Ulrich Meyer-Husmann
KUNST TROTZt DEMENZ, Diakonie Hessen 2009, Katalogtext